review

Sido - ICH

[Aggro Berlin / Groove Attack]

VÖ: 01.12.2006
Ganzes AugeGanzes AugeGanzes AugeGanzes AugeLeeres Auge

Tracklisting
1.Intro
2.Goldjunge
3.Strassenjunge feat. Alpa Gun
4.Peilerman & Flow Teil 1
5.Schlechtes Vorbild
6. Ihr habt uns so gemacht feat. Massiv
7Mach keine Faxen feat. Kitty Kat
8.Bergab
9.Ein Teil von mir
10.Nie wieder feat. G-Hot
11.Peilerman & Flow Teil 2
12. Ich kiff nicht mehr
13.1000 Fragen
14.Ich hasse dich
15.Peilerman & Flow Teil 3
16.GZSZ feat. Fler
17. Mein Testament
18. Ficken feat. Tony D & Kitty Kat
19.  Rodeo feat. Peter Fox (Seeed)
20. Sarah
21.Peilerman & Flow Teil 4
22.A.i.d.S. 2007 feat. B-Tight 
CD2 
01. Wir haben noch Zeit feat. B-Tight
02.Jeden Tag Wochenende feat. Bass Sultan Hengzt
03. Hau ab!
04.Ich bin ein Rapper feat. Harris & Alpa Gun
05. Get ya paper feat. Smif'n Wessun
06. Bergab Remix feat. B-Tight, Kitty Kat, Alpa Gun, G-Hot

Wenn man ein Album hierzulande mit gespanntem Interesse erwartet hat, dann ist es der Nachfolger zu Sidos Goldalbum „Maske“, einem der kontroversesten Rapalben der letzten Jahre. Dies zeigte sich direkt am kommerziellen Erfolg, denn nur anhand der Vorbestellungen und der Verkäufe in den ersten Tagen hatte „ICH“ bereits nach drei Tagen mit 100.000 verkauften Exemplaren Goldstatus, Tendenz steigend. Wird aus dem Goldjungen nun also der Platinjunge? So scheint es, denn Sidos Werdegang zeigte in den letzten Jahren steil bergauf. Was war passiert? Mit „Mein Block“ katapulierte sich Skandalrapper Sido, versteckt hinter einer silbernen Totenkopfmaske, endgültig in das Herz der deutschen Popszene und beförderte gemeinsam mit seinen Kollegen von Aggro Berlin Battlerap und Ghettothemen auf eine komplett neue Ebene. Das resultierte letztendlich darin, dass er neben ständiger Medienpräsenz und regelmäßigen Auftritten bei MTVIVA, The Dome oder gar Stefan Raabs Wok-WM nicht nur den VIVA Comet als „Bester Newcomer 2004“ gewinnen konnte, sondern auch von den Fantastischen Vier ihren Echo geschenkt bekam, was für eine Menge Aufregung sorgte.
Sittenwächtern standen die Haare zu Berge, verzweifelte Eltern begeisterter Jugendlicher verstanden die Welt nicht mehr. Ein Rapper, der sich selbst als schlechtes Vorbild, Proll und Prolet bezeichnet, kein Blatt vor den Mund nimmt und dabei wie selbstverständlich über Themen wie Sex, Parties, Drogen, Strassenleben erzählt, kann doch nicht das Idol der Jugend sein. Doch, er kann. Und das das alles keine Eintagsfliege war, wird spätestens jetzt klar. Sido ist zurück und zeigt mit „ICH“, dass die Geschehnisse der letzten Jahre nicht spurlos an ihm vorbeigegangen sind.
Sido scheint sich zwar einerseits mit dem Zustand arrangiert zu haben, in aller Munde und ein Popstar zu sein; andererseits heißt das aber nicht, dass er nicht noch deftige, vulgäre Worte und zwei Mittelfinger für diejenigen parat hat, die mit ihm ein Problem haben oder dass er Sex, Parties und Strassenrap aus seinen Themenkatalog verbannt hat - aber eine große Portion Nachdenklichkeit und Selbstkritik hat sich in seinen Texten breitgemacht. Entgegen etlicher seiner Kollegen aus dem Hause Aggro, die sich gerne selber als Gangster feiern, hat Sido sich zu großen Teilen von diesen Themen entfernt. Dies mag einerseits daran liegen, dass sein Leben seit seinem Riesenerfolg komplett auf den Kopf gestellt wurde und er zwangsweise an dieser Aufgabe wachsen mußte, andererseits gerüchteweise aber auch an dem Einfluss, den sein Deine Lieblingsrapper-Kollege Harris unterbewußt auf ihn ausgeübt haben soll - denn jener kann in seiner Funktion als Ehemann und zweifacher Vater wenig mit Gangsterrap anfangen. Wem oder was auch immer diese Entwicklung zuschulden kommt - an diese Stelle sind teilweise nachdenkliche, hinterfragende Gedanken getreten.
Sido beweist sich in dem Zusammenhang als Realist und hält dem Hörer mit Songs wie „Ihr habt uns so gemacht“ oder „Bergab“ einen Spiegel vor, überzeugt gleichzeitig mit dem überraschend gefühlvollen „Ein Teil von mir“ oder als nachdenklicher Fragesteller auf „1000 Fragen“. „ICH“ als Gesamtwerk hingegen ist der nächste logische Schritt. Während „Maske“ noch sehr aus dem Untergrund kam und neben derben Aussagen hauptsächlich durch Brecher wie „Interview“, „Mein Block“, „Mama ist stolz“ oder „Fuffies im Club“ bestach, ist „ICH“ ein Album, was ihn komplett im Mainstream etabliert. Produzenten wie Taj Jason, Paul NZA, DJ Desue, die Beathoavenz, Roe Beardie oder auch Peter Fox von Seeed schneidern ihm dabei ein komplettes Album auf den Leib, was sich auf der einen Seite in Sachen Produktion mit namhaften US-Releases messen kann, auf der anderen Seite aber auch durch Sidos Persönlichkeit in Punkto Themen beeindruckt.

Und damit zeigt Sido, dass er der grossen Aufgabe, das komplette Label Aggro Berlin auf seinen Schultern zu tragen, gewachsen ist – er bewegt sich dabei sogar noch geschickt an der Spitze der deutschen Popszene. Denn das gewisse Etwas, das prollhafte, hat er sich trotz alledem noch bewahrt – und wird deshalb auch auf „ICH“ mit etlichen seiner Aussagen und denen seiner Gäste anecken. Denn er ist und bleibt weiterhin der Strassenjunge mit einer grundsätzlich einfachen Sichtweise. Wenn auch mittlerweile in goldenen Schuhen.

 


[Steffen Rieger

 
     
 

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